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Systemisches Denken für mehr Bio – Projektbericht

Das Projekt „System(at)isch zu mehr Bio“ wurzelt in der These, dass systemisches Denken eine der Schlüsselkompetenzen für zukünftige BiokonsumentInnen ist. Diese Kompetenz ermöglicht den KonsumentInnen wichtige Zusammenhänge der unterschiedlichen Aspekte des Phänomens „Bio“ besser zu begreifen.

Die wichtigsten Entwicklungsschritte

Das vorliegende didaktische Konzept und die daraus abgeleiteten Maßnahmen zur Umsetzung im Unterricht stellen ein vorläufiges Zwischenergebnis des Projektes „System(at)isch zu mehr Bio“ in Projektphase 1 vom Zeitraum 2015 bis 2017 dar.

a.) Zur Entwicklung des didaktischen Konzeptes für den Unterricht wurde in einem ersten Schritt der Nutzen eines systemischen Verständnisses zum besseren Erfassen des systemischen Mehrwertes biologischer Lebensmittel sowie deren Produktionsweise mittels Literaturstudie überprüft.

b.) In einem zweiten Schritt wurde das Phänomen „Bio“ in Relation zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und den Forschungsergebnissen modernen Verbraucherbildung untersucht.

c.) In einem dritten Schritt wurden Maßnahmen zur Umsetzung im Unterricht entwickelt und mit Fokusgruppen in vier Schulen getestet und qualitativ evaluiert.

d.) Die Pilotdurchgänge fanden in zwei allgemeinbildenden höheren Schulen, einer berufsbildenden höheren Schule und in einer Waldorfschule statt. Die Fokusgruppen repräsentierten alle Altersstufen zwischen 12 und 18 Jahren.

e.) In einem fünften Schritt wurden daraus erste Schlüsse für Projektphase 2 abgeleitet.

Die wichtigsten Lernziele

Die wichtigsten Lernziele des Projektes sind:

a.) der Erkenntnisgewinn, dass die biologische Produktionsweise aus systemischer Perspektive einen höheren Mehrwert für eine nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft ergibt als die Bewertung einzelner Vorzüge.

b.) die Bewusstmachung der Rolle als KonsumbürgerIn in mehrfacher Hinsicht: als selbstbestimmte ProsumentIn (die nicht nur konsumiert, sondern im Haushalt weiter produziert) und als am politischen und wirtschaftlichen System aktiv teilhabende BürgerIn.

c.) der Konzeptwechsel von einem auf Landwirtschaft und Lebensmittel reduzierten Bio-Begriffes zugunsten eines „Big Picture“, das die alten Gegensatzpaare von Konsum und Produktion, Wirtschaft und Gesellschaft, KonsumentIn und BürgerIn, Ökonomie und Ökologie aufhebt, und systemische Verbindungen transparent macht.

d.) Ein tiefenorientiertes Verständnis des Phänomens „Bio“, das abrückt von einem Schwarz-Weiß-Wissen, indem das „absolute Bio“ relativiert werden kann, ohne dessen Wert zu schmälern.

e.) eine Handlungsorientierung, die weit über die Kaufentscheidung zugunsten von Bio-Lebensmitteln im Supermarkt hinausgeht.

Die wichtigsten Projektgrundlagen

Zu den wichtigsten Grundlagen des Projektes zählen

a.) das Vermitteln systemischen Wissens, um den Lernenden ein Basisverständnis über die Zusammenhänge von „Bio“ auf der Mikro- und Makroebene zu ermöglichen.

b.) eine konstruktivistische Betrachtungsweise, die das „Bio-Thema“ in den Alltagsroutinen der SchülerInnen verortet, um es in Folge durch Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion reflektieren zu können.

c.) das Hinführen zu den damit häufig verbundenen Zielkonflikten und Dilemmata sowie deren Bewältigung.

d.) das Vertrauen in das Vermittelnde gegenüber dem Steuernden, indem die Entscheidung letztendlich den Lernenden selbst überlassen bleibt, wie sie zu „Bio“ stehen.

e.) das Vermitteln des prozessualen Charakters, wo „Bio“ nicht als Zustand sondern als laufender Entwicklungsprozess erfasst wird.

f.) das Vermitteln von kollektiven Lernprozessen im Zusammenhang mit „Bio“, wo Transformations-bestrebungen zugunsten einer nachhaltigen Ernährungsweise als gemeinsames Lernen von Familie, Freunden, Peergroups u.s.w. verstanden wird.

g.) das Definieren eines Bildes vom mündigen Menschen als Basis des Bildungsprojektes, der Fähig zur Emanzipation und Partizipation ist.

Die wichtigsten Tools zur didaktischen Umsetzung

a.) Als Design wurde ein mehrtägiger Workshop entwickelt, der einem außercurricularem Anspruch von sozioökonomischer Bildung am besten gerecht wird, die „Bio“ in einen gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen, ökologischen, politischen und ethischen Deutungsrahmen stellt.

b.) Der Dramaturgie kommt bei der didaktischen Umsetzung eine besondere Rolle im doppelten Sinne zu. Sie zeichnet für den Spannungsbogen des mehrtägigen Erkenntnisprozesses verantwortlich, gibt den Lernenden Sicherheit auf dem Pfad der Selbsterforschung und gewährleistet das spontane Erleben von Alltagsroutinen als Grundlage für weitere Reflexionsschleifen.

c.) Als Systemwerkzeuge, die den Lernenden die systemischen Zusammenhänge von „Bio“ veranschaulichen sollen, wurde vorrangig auf Systemspiele zurückgegriffen. Diese haben den Vorteil, dass abstrakte Themenfelder für die SchülerInnen persönlich erfahrbar werden.

d.) Die Präkonzepte der Lernenden rund um das Phänomen „Bio“ konnten in zweifacher Hinsicht genützt werden. Einerseits motivierte es die Lernenden, ihre Expertisen zu einem Low-Involvement-Thema einzubringen. Andererseits konnten die Alltagskonzepte auf konstruktivistische Weise konstruiert, rekonstruiert und dekonstruiert werden.

e.) Die Anwendung der first-order/second-order-Perspektive ermöglichte den Lernenden die Unterschiedsbildung, ob sie Phänomene rund um „Bio“ aus eigener Beobachtung interpretierten oder ob sie bereits interpretierte Beobachtungen anderer zur Urteilsbildung nutzten.

f.) Die Wissensgewichtung im Workshop lag speziell auf Konzeptwissen und Metakognitionswissen. Begreifen die Lernenden „Konzepte“ als die Art und Weise, wie sie die verschiedenen Phänomene rund um „Bio“ verstehen und erfassen, dann ermöglicht ihnen dieses Konzeptwissen gleichzeitig das Erkennen von Handlungsspielräumen durch unterschiedliche Konzepte.  Das Denken über das eigene Denken im Sinne der Metakognition ist unverzichtbar zur Reflexion der eigenen Urteilsbildung und Entscheidungsprozesse bezüglich Konsumentscheidungen. Gerade auch deshalb, weil der Lebensmitteleinkauf vielfach unbewussten Heuristiken überlassen wird, deren aktuelle Nützlichkeit nicht immer gegeben ist.

g.) In Anlehnung der „Theorie der Variationen“ wurden Maßnahmen entwickelt, die durch Kontrastierung, Separierung und Fusionierung das Gesamtphänomen „Bio“ durch gegensätzliche Erfahrungen, Aufspaltung in einzelne Teilaspekte sowie systemisches Zusammenführen und Verbinden tiefgründig erfassen lässt.

Resümee und Ausblick

Die Mischung zwischen Übungen, die an die Alltagsroutinen der SchülerInnen anknüpfen, systemische Spielen, die abstrakte Zusammenhänge persönlich erfahrbar machen, Inputs von Fachkonzepten und das laufende Reflektieren in Kleingruppen oder im Plenum gewährleisteten trotz der hohen kognitiven Anforderungen einen durchgängigen Spannungsbogen. Entsprechend sehr gut bis gut fielen daher die qualitativen Feedbacks der Lernenden aus, die in der Aussage einer achtzehnjährigen Schülerin gipfelten: „Prinzipiell, ganz schlicht und einfach, so ein Workshop sollte Pflicht für alle sein (Schüler und Erwachsene)!“

Das Andocken an die Expertisen der Lernenden generierte bei Vielen rasches Interesse. Betrachtet man den Gesamtverlauf der drei bis vier Tage, bleibt der erste Tag der herausforderndste: Hier treffen anfängliche Distanziertheit gegenüber dem Unbekannten (Thema und Person) mit der Aufforderung “Einlassen auf Neues“ zur Selbsterforschung aufeinander. Die ebenfalls am ersten Tag gemachte Erfahrung des eigenen Value-Action-Gaps ist eine irritierende Intervention die bei den Lernenden die Aufmerksamkeit und das Interesse noch weiter steigerte. Als große Herausforderung gilt die Entwicklung vom „Muss“ zum „Kann“ bei vielen SchülerInnen. Viele Lernende haben den moralischen Zeigefinger bereits so internalisiert, dass ihnen die Differenzierung zwischen gefordertem „Verhalten“ und Aufforderung zu eigenständigem Denken und Handeln schwerfällt.

In Summe zeigt sich, dass ein systemisches Verständnis rund um das Phänomen „Bio“, das in wenigen Tagen vermittelt wird, bereits in der Lage ist, das eindimensionale und statische Schwarz-Weiß-Wissen in ein mehrdimensionales Bild von „Bio“ zu verwandeln, das Orientierung zum Handeln auf verschiedenen Ebenen bietet.

Was eindeutig in diesem Konzept noch nicht abgedeckt wurde, ist die Sehnsucht vieler Kinder und Jugendlicher nach ihrer Heldenreise: „Handeln“ in Verbindung mit „Bio“ muss mehr sein, als die „richtigen“ Argumente und Siegel zu kennen und die „richtigen“ Produkte zu kaufen. Pilotphase 2 sollte dieser Beobachtung besondere Aufmerksamkeit schenken und prüfen, ob es didaktische Umsetzungsmöglichkeiten gibt, wie Lernende über ihre eigenen Heldengeschichten des Alltags einen neuen Zugang zum Phänomen „Bio“ entwickeln könnten.

Download Zusammenfassung des Projektberichts „System(at)isch zu mehr Bio – Phase 1 2015-2017“

Projekt: Bio 3.0 – Neue Wege zu mehr Bio, Arbeitspaket 6, Projektphase 1 2015-2017

Projektleitung: Lothar Greger, FiBL (lothar.greger@fibl.org); Gesamtkoordination: Reinhard Geßl, Freiland Verband (reinhard.gessl@biodreinull.at)


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